Fujifilm X100VI im Test 2026: Geniale Streetkamera mit echten Schwächen beim Akku
Einleitung
Wir haben die Fujifilm X100VI drei Wochen lang im Alltag getestet und verstehen nun, warum diese Kompaktkamera monatelange Wartelisten produziert. Die sechste Generation der X100-Serie kommt mit 40 Megapixel BSI-Sensor und verspricht die perfekte Balance zwischen Bildqualität und Kompaktheit. Der Preis von 1699 Euro ist allerdings eine Ansage, besonders wenn man bedenkt, dass der Vorgänger X100V für rund 400 Euro weniger startete. Die Frage ist also: Rechtfertigt die neue Generation diesen Aufpreis und kann sie den Hype erfüllen, der seit Monaten durch soziale Medien schwappt? Wir haben die Kamera nicht im Studio getestet, sondern auf den Straßen Berlins, auf einer verlängerten Wochenendreise nach Barcelona und im grauen deutschen Winteralltag. Was uns sofort auffiel: Die X100VI polarisiert. Entweder man versteht das Konzept einer Festbrennweiten-Kompaktkamera mit Hybridsucher und liebt sie dafür, oder man fragt sich, warum man nicht gleich zur spiegellosen Systemkamera mit Wechselobjektiven greift. Nach drei Wochen gehören wir eher zur ersten Gruppe, aber mit deutlichen Einschränkungen, die wir im Test ausführlich ansprechen werden.
Design und Verarbeitung
Die X100VI setzt konsequent auf Retro-Design, und das ist Geschmackssache. Das Gehäuse aus Magnesiumlegierung fühlt sich wertig an, mit 521 Gramm liegt die Kamera spürbar in der Hand. Im Vergleich zur Ricoh GR IIIx, die nur 262 Gramm wiegt, ist das ein deutlicher Unterschied, den wir nach mehrstündigen Stadtspaziergängen im Nacken spürten. Die klassischen Drehräder für Verschlusszeit, Blende und Belichtungskorrektur sind haptisch gut gelungen, allerdings fehlt eine Arretierung. Wir haben mehrfach festgestellt, dass sich die Einstellungen in der Jackentasche verstellt hatten. Das nervt, besonders wenn man die Kamera schnell zücken will und plötzlich mit ISO 12800 statt Auto dasteht.
Die Verarbeitung rechtfertigt den Preis weitgehend. Alle Spaltmaße sind gleichmäßig, nichts knarzt oder wackelt. Das Objektiv fährt sauber ein und aus, der Fokusring hat einen angenehmen Widerstand. Was uns jedoch negativ auffiel: Der Batteriefachdeckel wirkt filigraner als beim Vorgänger und ließ sich im Test zweimal nur mit Mühe schließen. Hier hätte Fujifilm nachbessern sollen. Positiv überraschte uns dagegen die verbesserte Wetterfestigkeit. Bei leichtem Nieselregen in Barcelona machte die Kamera keine Probleme, auch wenn Fujifilm keine offizielle IP-Zertifizierung angibt. Die gummierte Daumenmulde auf der Rückseite ist größer als beim X100V und verbessert tatsächlich den Halt. Trotzdem: Wer große Hände hat, wird auch hier einen zusätzlichen Handgriff nachrüsten wollen. Der optionale Griff kostet allerdings noch einmal 129 Euro extra.
Das fest verbaute Fujinon 23mm f/2 Objektiv entspricht 35mm im Kleinbildformat und ist für Street-Fotografie grundsätzlich gut gewählt. Die Bauqualität ist exzellent, das Objektiv wackelt nicht und die Frontlinse ist gut geschützt. Der integrierte vierstufige ND-Filter ist praktisch bei hellem Sonnenlicht und funktioniert zuverlässig. Was fehlt, ist eine moderne Touch-to-Focus-Funktion, die wirklich schnell reagiert. Dazu mehr im Kapitel zur Bedienung.
Display
Das 3 Zoll große LCD-Display löst mit 1,62 Millionen Bildpunkten auf und ist kippbar, allerdings nur in zwei Richtungen. Für Selfies oder Vlogging ist es damit nicht geeignet, was bei einer Kamera dieser Preisklasse im Jahr 2025 überrascht. Die Helligkeit reicht im Alltag aus, bei direktem Sonnenlicht stießen wir jedoch an Grenzen. In Barcelona mussten wir mehrfach die Hand über das Display halten, um die Komposition zu beurteilen. Zum Glück gibt es den hybriden optischen und elektronischen Sucher, der genau in solchen Situationen seine Stärke ausspielt.
Die Farbdarstellung des Displays ist neutral und entspricht weitgehend den finalen JPEGs. Im Vergleich zum iPhone 15 Pro wirkt es allerdings etwas kühler und weniger brillant. Die Touch-Bedienung funktioniert grundsätzlich, fühlt sich aber nicht so flüssig an wie bei modernen Smartphones. Es gibt eine spürbare Verzögerung beim Wischen durch Menüs, und das Zwei-Finger-Zoom in der Bildvorschau ruckelt gelegentlich. Hier hätte Fujifilm nacharbeiten sollen. Die Reflexionseigenschaften sind durchschnittlich. In Innenräumen spiegelt das Display weniger als bei der Sony RX100 VII, draußen im hellen Licht ist es etwa gleichauf.
Im dunklen Zimmer dimmt das Display angenehm herunter, ohne zu stark zu leuchten. Das ist beim nächtlichen Durchsehen der Bilder im Bett praktisch und schont die Augen. Die automatische Helligkeitsanpassung arbeitet meist zuverlässig, neigt aber in Übergangssituationen zu Überreaktionen. Beim Wechsel von draußen nach drinnen braucht sie einige Sekunden, um sich anzupassen.
Leistung im Alltag
Die X100VI nutzt den X-Processor 5, den wir bereits aus der X-T5 kennen. Im Alltag bedeutet das: Die Kamera startet in etwa 1,5 Sekunden und ist aufnahmebereit. Das ist schnell genug für spontane Street-Fotografie, aber nicht so instantan wie eine Ricoh GR. Was uns im Test mehrfach störte: Nach längerer Standby-Zeit reagierte die Kamera manchmal träge auf den ersten Auslöser-Druck. Es entstand eine Verzögerung von gefühlt einer halben Sekunde, die in dynamischen Situationen den Unterschied zwischen Treffer und Niete ausmacht.
Die Serienbildfunktion schafft etwa 11 Bilder pro Sekunde mit mechanischem Verschluss, was für die meisten Alltagssituationen ausreicht. Im elektronischen Modus sind es theoretisch 20 fps, allerdings mit Einschränkungen beim Rolling Shutter. Beim Fotografieren vorbeifahrender Radfahrer sahen wir deutliche Verzerrungen. Die Puffergröße ist akzeptabel: Nach etwa 30 RAW-Bildern in Serie stockte die Kamera und brauchte einige Sekunden zum Wegschreiben auf die SD-Karte. Wer professionelle Sport- oder Actionfotografie plant, ist hier falsch.
Die Wärmeentwicklung ist im normalen Fotobetrieb unauffällig. Erst beim Filmen längerer 4K-Videos mit 60fps wurde das Gehäuse nach etwa 15 Minuten spürbar warm, ohne jedoch abzuschalten. Im Vergleich zur Sony A7C II bleibt die Fujifilm kühler, wird aber wärmer als die Canon EOS R50. Das Menüsystem ist klassisch Fujifilm: Übersichtlich für Kenner, verwirrend für Einsteiger. Wir brauchten zwei Tage, um alle Funktionen zu finden. Die Q-Menü-Taste hilft, ist aber nicht so intuitiv wie bei Olympus oder Panasonic.
Der Autofokus nutzt KI-basierte Motiverkennung für Gesichter, Augen, Tiere und Fahrzeuge. Im Test funktionierte die Gesichtserkennung zuverlässig, die Tiererkennung war weniger treffsicher. Bei unserem Hundetest erkannte die Kamera das Tier in 7 von 10 Situationen korrekt, verlor aber bei schnellen Bewegungen den Lock. Zum Multitasking: Die Kamera kann während des Wegschreibens auf die Karte weiter fotografieren, allerdings mit reduzierter Serienbildrate. Das ist praxisgerecht gelöst.
Bildqualität & Praxis
Der 40-Megapixel-Sensor liefert bei Tageslicht exzellente Ergebnisse. Die Schärfe ist über das gesamte Bild hinweg sehr gut, mit leichten Schwächen in den Ecken bei offener Blende f/2. Die Fujifilm-typischen Filmsimulationen funktionieren im Alltag hervorragend. Besonders Classic Chrome und Acros lieferten uns direkt aus der Kamera JPEGs, die kaum Nachbearbeitung brauchten. Das spart Zeit und ist einer der Hauptgründe, warum viele Fotografen bei Fujifilm bleiben. Im Vergleich zu einer Sony A7 IV mit vergleichbarem Sensor sind die Out-of-Camera-JPEGs bei Fujifilm deutlich ansprechender, während Sony mehr Nacharbeit erfordert.
Bei schwachem Licht zeigt sich das Limit der kleinen Kamera. Ab ISO 3200 wird das Rauschen sichtbar, ab ISO 6400 deutlich. Die Rauschunterdrückung arbeitet aggressiv und frisst Details. Wer nachts fotografiert, sollte in RAW arbeiten und selbst Hand anlegen. Im Vergleich zur Vollformat-Konkurrenz wie der Sony RX1R II liegt die X100VI etwa eine bis eineinhalb Blenden zurück. Das ist der Preis für die kompakte Bauweise. In der Dämmerung in Barcelona, bei ISO 1600 und f/2, waren die Ergebnisse aber durchaus brauchbar und für Social Media mehr als ausreichend.
Der Autofokus ist schnell bei gutem Licht, kämpft aber in dunklen Umgebungen. In einer schlecht beleuchteten Bar brauchte die Kamera mehrfach mehrere Versuche, um scharf zu stellen. Das AF-Hilfslicht hilft, ist aber grell und in sozialen Situationen störend. Die Gesichts- und Augenerkennung funktioniert tagsüber zuverlässig, bei schwachem Licht ist sie weniger treffsicher als bei aktuellen Sony-Modellen. Bei bewegten Motiven wie spielenden Kindern lag die Trefferquote bei etwa 70 Prozent, was für eine Kompaktkamera gut ist, aber hinter dedizierten Sportmodellen zurückbleibt.
Video in 4K mit 60fps ist möglich, allerdings mit 1,14-fachem Crop. Die Qualität ist gut, aber nicht herausragend. Der Autofokus pumpt gelegentlich im Video, besonders bei wenig Kontrast. Für professionelles Vlogging ist die Kamera nicht gedacht, für Urlaubsvideos reicht es. Der integrierte ND-Filter ist beim Filmen praktisch und verhindert Überbelichtung bei Sonnenlicht. Was fehlt: ein Mikrofoneingang und ein vollständig schwenkbares Display. Wer ernsthaft filmen will, greift zur Sony ZV-E1 oder Panasonic Lumix S5 II.
Verarbeitung & Ergonomie im Einsatz
Nach drei Wochen Dauernutzung zeigt sich: Die X100VI ist eine Kamera für entspannte Fotografie, nicht für Marathon-Sessions. Nach drei Stunden Streetfotografie in Berlin bemerkten wir die fehlende ergonomische Griffmulde. Die Kamera liegt zwar sicher in der Hand, aber der kleine Griff fordert ständige Konzentration. Wer größere Hände hat, wird wie erwähnt den optionalen Zusatzgriff brauchen. Der Trageriemen ist dünn und schneidet bei längerem Tragen im Nacken. Hier haben wir schnell auf einen breiteren Drittanbieter-Riemen gewechselt.
Die Menübedienung auf der Straße funktioniert grundsätzlich, ist aber nicht intuitiv. Die vielen Tastenbelegungen muss man lernen, spontan findet man Funktionen nicht. Das Q-Menü hilft, ist aber überladen. Die Touchfunktion des Displays nutzt man nach einiger Zeit kaum noch, weil die physischen Räder präziser sind. Was uns positiv überraschte: Die Wetterfestigkeit hielt im Test mehr aus als erwartet. Neben dem erwähnten Nieselregen testeten wir die Kamera auch bei Schneegriesel, ohne Probleme. Fujifilm gibt keine offizielle Schutzklasse an, aber die Dichtungen scheinen ihre Arbeit zu tun.
Der hybride Sucher ist das Alleinstellungsmerkmal der X100-Serie. Im optischen Modus sieht man die Welt, wie sie ist, mit eingeblendetem Rahmen für den Bildausschnitt. Das ist fantastisch für Street-Fotografie, weil man Motive auch außerhalb des Rahmens kommen sieht. Im elektronischen Modus hat man WYSIWYG mit allen Einstellungen. Der Wechsel zwischen beiden Modi per Hebel funktioniert schnell. Nach zwei Wochen nutzten wir zu 70 Prozent den optischen Sucher, weil er natürlicher wirkt und Akku spart. Die Auflösung des elektronischen Suchers ist mit 3,69 Millionen Bildpunkten gut, aber nicht so brillant wie bei der Fujifilm X-T5.
Der Akku hält laut Fujifilm für etwa 310 Bilder nach CIPA-Standard. In der Praxis kamen wir auf 250 bis 280 Bilder bei gemischter Nutzung mit elektronischem und optischem Sucher. Das ist mäßig. Ein Ersatzakku ist Pflicht, und die kosten jeweils etwa 70 Euro. Zum Vergleich: Die Ricoh GR IIIx schafft etwa 200 Bilder, liegt also ähnlich. Moderne Systemkameras wie die Sony A7 IV kommen auf über 500 Bilder. Positiv: USB-C-Laden funktioniert auch während des Betriebs, praktisch mit Powerbank unterwegs.
Fazit und Kaufempfehlung
Die Fujifilm X100VI ist eine ausgezeichnete Kompaktkamera für Street- und Reisefotografie, aber keine für jeden. Wer das Konzept einer Festbrennweite versteht und schätzt, bekommt eine Kamera mit hervorragender Bildqualität, fantastischen Filmsimulationen und einem einzigartigen hybriden Sucher. Die Verarbeitung ist hochwertig, die Bedienung nach Einarbeitung effizient. Für spontane, kreative Fotografie in der Stadt oder auf Reisen gibt es kaum etwas Besseres in dieser Kompaktheit. Allerdings hat die Kamera klare Schwächen: Die Akkulaufzeit ist zu kurz, der Autofokus bei schwachem Licht nur durchschnittlich, und die Ergonomie könnte besser sein. Der Preis von 1699 Euro ist ambitioniert, aber wenn man die monatelangen Wartelisten betrachtet, offenbar marktgerecht.
Für wen lohnt sich die X100VI? Für Fotografen, die eine diskrete, hochwertige Immer-dabei-Kamera suchen und mit 35mm Festbrennweite leben können. Für Street-Fotografen, die Wert auf unauffälliges Arbeiten legen. Für Enthusiasten, die die Fujifilm-Filmsimulationen lieben und RAW-Bearbeitung minimieren wollen. Nicht geeignet ist die Kamera für Action- oder Sportfotografie, für professionelles Video oder für Einsteiger, die Flexibilität durch Wechselobjektive brauchen. Wer hauptsächlich bei schwachem Licht fotografiert, ist mit einer Vollformat-Systemkamera besser bedient.
Die Konkurrenz ist überschaubar: Die Ricoh GR IIIx ist kompakter und günstiger, hat aber keinen Sucher und ist weniger vielseitig. Die Sony RX1R II bietet Vollformat, ist aber deutlich teurer und älter. Die Leica Q3 spielt in einer anderen Preisliga. In der Systemkamera-Welt bekommt man für 1699 Euro bereits eine Fujifilm X-T5 mit Kit-Objektiv, die flexibler ist, aber eben nicht so kompakt. Unser Fazit nach drei Wochen: Die X100VI ist eine Spezialistin, die ihr Handwerk exzellent beherrscht. Wer weiß, dass er genau diese Kamera braucht, wird sie lieben. Alle anderen sollten sich die Frage stellen, ob eine Systemkamera mit Wechselobjektiven nicht die vielseitigere Wahl wäre. Die X100VI ist kein Allrounder, sondern ein Werkzeug für einen bestimmten fotografischen Ansatz. Und darin ist sie sehr, sehr gut.
Technische Daten
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